{"id":62401,"date":"2020-12-03T21:26:05","date_gmt":"2020-12-03T21:26:05","guid":{"rendered":"https:\/\/cornellsailing.com\/?p=62401"},"modified":"2020-12-03T21:26:05","modified_gmt":"2020-12-03T21:26:05","slug":"elektroschock","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/cornellsailing.com\/de\/2020\/12\/elektroschock\/","title":{"rendered":"Elektroschock"},"content":{"rendered":"<p>Meine Entscheidung, die <a href=\"https:\/\/cornellsailing.com\/de\/aventura\/aventura-zero-the-challenge\/\"><strong>E<\/strong><strong>lc<\/strong><strong>ano Challenge<\/strong><\/a> abzubrechen, kam sicherlich f\u00fcr viele, die meine Reise verfolgen, sehr \u00fcberraschend, und ich kann mich nur entschuldigen f\u00fcr die Entt\u00e4uschung, die ich euch bereitet habe. Nach meiner kurzen Nachricht vor wenigen Tagen schulde ich euch eine detailliertere Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>In meinem langen Leben habe, soweit ich mich erinnere, noch nie ein vielversprechendes Projekt abgebrochen, und es ist sehr schmerzlich, der Niederlage ins Auge zu sehen. Aber ich bin Fatalist und wenn ich vor so einer Situation stehe, dann akzeptiere ich sie und mache weiter.<\/p>\n<p>Die Welt zu umrunden auf einem elektrischen Boot auf der Route der ersten mutigen Weltumsegler, und das ohne jegliche umweltsch\u00e4dliche Emissionen, war so eine verlockende Chance, etwas Bedeutsames zu tun und den uns so wichtigen Umweltschutz voranzutreiben, dass meine Familie sich einig war, dass ich zugreifen sollte. Sie alle sind genauso entt\u00e4uscht wie ich und akzeptieren meine Gr\u00fcnde, und ich hoffe, ihr werdet das auch tun.<\/p>\n<p>Bei einem elektrischen Segelboot ist der Knackpunkt nicht der Antrieb, sondern das Erzeugen von Strom durchs Segeln. Ein elektrisch betriebenes Boot n\u00fctzt nichts, wenn die verbrauchte Energie nicht ersetzt werden kann; das ist die grundlegende Funktion des Oceanvolt-Regenerationssystems. Beim Segeln drehen sich die Schrauben der beiden Saildrives und erzeugen Elektrizit\u00e4t. Mir war versichert worden, dass wir im Durchschnitt eine Ladung von 600 Watt bei 6 Knoten und 800 Watt bei 8 Knoten erwarten k\u00f6nnten. Bei den Testfahrten vor La Grande Motte, der Heimat von Outremer in S\u00fcdfrankreich, erreichten wir diese Werte und ich war \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Auf unserer 1000 Meilen langen Jungfernfahrt von La Grande Motte nach Sevilla zeigte dieses System Schw\u00e4chen; es kam mit dem Stromverbrauch auf einem echten T\u00f6rn nicht auf die gleiche Weise zurecht wie mit einer Testfahrt auf ruhiger See. Sowohl der Autopilot als auch die Navigationsinstrumente verbrauchten Strom, und zudem die Haushaltsger\u00e4te wie Induktionsherd, Mikrowelle, zwei K\u00fchlschr\u00e4nke etc. Ich begann zu zweifeln, nachdem wir 82 Meilen in zehn Stunden mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 8,2 Knoten gesegelt waren. Die Nettoladung betrug entt\u00e4uschende 9,5 % unserer Batteriekapazit\u00e4t, gleichbedeutend mit 5,32 Kilowattstunden.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise war Romain Guiraudou vom Outremer Design Office mit von der Partie; er hatte die Implementierung des Oceanvolt-Systems \u00fcberwacht. Er schlug vor, dass wir unseren Stromverbrauch auf das absolute Minimum beschr\u00e4nken sollten, was wir auch taten. Unser spartanischer Lebensstil \u00fcber die n\u00e4chsten Tage sorgte f\u00fcr genug Strom, um es bis Ceuta zu schaffen, wo wir mit 12 % Batterieladung ankamen. Wir luden die Batterien auf und fuhren nach Sevilla weiter.<\/p>\n<p>Ich schrieb diesen entt\u00e4uschenden Start den eigenwilligen Wind- und Wetterverh\u00e4ltnissen im Mittelmeer zu und erwartete, dass es auf der folgenden 700-Meilen-Passage zu den Kanaren besser laufen w\u00fcrde. Wir hatten unsere Lektion gelernt und taten unser Bestes, um unseren Stromverbrauch zu beschr\u00e4nken. Ich notierte die ganze Passage \u00fcber peinlich genau mit, und die Werte blieben konstant entt\u00e4uschend. Bei Chipiona an der M\u00fcndung des Guadalquivir hatten wir noch 50 % Ladung. Als wir Teneriffa erreichen und die Motoren anwarfen, um anzulegen, waren wir bei 40 %, zwischendurch war der Wert auf alarmierende 13,5 % gefallen.<\/p>\n<p>Die Passage hatte gezeigt, dass das System trotz aller Versuche, Strom zu sparen, nicht in der Lage war, gen\u00fcgend Energie zu erzeugen, um den Verbrauch abzudecken und die Batterien geladen zu halten. Uns wurde klar, dass wir, wenn wir den Verbrauch nicht reduzieren konnten, die Batterien komplett leer werden k\u00f6nnten. Um dies zu vermeiden, benutzten wir mehrere Tage die elektrischen Winschen nicht, der stromfressende elektrische Herd blieb aus und wir kochten oder erhitzten unser Essen mit einem Solarkocher. Wir reduzierten unseren pers\u00f6nlichen Gebrauch auf das absolute Minimum, wir kochten kein Wasser, tranken keine Hei\u00dfgetr\u00e4nke, schalteten die zwei K\u00fchlschr\u00e4nke ab und ern\u00e4hrten uns kalt bzw. von dem, was wir mit dem Solarkocher produzieren konnten.<\/p>\n<p>Es war eine typische Hochseepassage, Leicht- und Starkwind wechselten sich ab, es war ein guter Querschnitt dessen, was wir auf den k\u00fcnftigen Passagen zu erwarten haben w\u00fcrden; wir w\u00fcrden nicht auf dauerhaft gute Segelbedingungen hoffen k\u00f6nnen. So wie ich es verstanden hatte, m\u00fcssten wir, wenn die zwei Batteriebanken unter ein kritisches Level fielen, bei guten Segelbedingungen schnell wieder laden k\u00f6nnen. Leider wurde auf dieser Passage offensichtlich, dass die Nettoladeleistung der beiden Schrauben nicht mal ann\u00e4hernd ausreichte, um die Batterien innerhalb eines akzeptablen Zeitraums zu laden. Im Durchschnitt produzierten die beiden Schrauben pro Stunde ein Netto von 0,6 % der kompletten Batteriekapazit\u00e4t, d.h. 336 Watt.<\/p>\n<p>Daraus konnte ich nur eines schlie\u00dfen: So, wie es war, funktionierte das Ladesystem, und damit das gesamte Konzept, nicht. Unsere Bem\u00fchungen, Strom zu sparen, halfen, aber letztlich machten sie wenig Unterschied: Selbst bei guten Segelbedingungen und hohem Tempo konnte das Ladesystem nicht mithalten. Es war eine herzzerrei\u00dfende Erkenntnis \u2013 unsere Reise und damit das ganze Projekt eines autarken elektrischen Bootes konnte scheitern. Das System konnte vielleicht auf einer Passage in die Karibik unter Passatbedingungen funktionieren, oder auch auf einem Mittelmeert\u00f6rn, wo man jeden Abend im Hafen nachladen kann, aber nicht auf einer so herausfordernden Route wie der, die wir planten. Es konnte auch funktionieren als Hybridversion mit einem Dieselmotor zur Unterst\u00fctzung, aber das widersprach der gesamten Zielsetzung des Projekts, das ja gerade beweisen sollte, dass lange Reisen auf einem elektrischen Segelboot m\u00f6glich sind.<\/p>\n<p>Fairerweise muss ich sagen, dass der CEO von Outremer, Xavier Demarest, der Gesch\u00e4ftsleiter Stephane Grimault und auch Stephane Renard, Chef des Design Office, mir alle geraten hatten, einen Hilfsgenerator an Bord zu nehmen, und sei es nur f\u00fcr Notf\u00e4lle. Aber ich hatte abgelehnt, da es der ganzen Idee eines Null-Emissionen-Segelboots zuwiderlief. Jetzt, im R\u00fcckblick, verstehe ich, dass das, was sie als Notfall betrachtet hatten, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter die Norm geworden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Eine Entscheidung war definitiv richtig, n\u00e4mlich die Entscheidung f\u00fcr einen Performance-Katamaran wie den Outremer 45, und diese herausfordernden 2000 Meilen unterstreichen das. Selbst bei sehr leichten Winden kamen wir ganz anst\u00e4ndig voran, aber als eingefleischtem Einrumpfsegler imponierte mir vor allem die Leistung der <em>Aventura Zero<\/em> bei Starkwind. Am Abend vor unserem Landfall auf Teneriffa erwischten uns mehrere Sturmb\u00f6en in den oberen 30ern auf der Beaufortskala. Mit dem Gro\u00df im dritten Reff und einem Drittel der Fock steckte die <em>Aventura<\/em> das locker weg. Eine gro\u00dfe Welle erwischte uns von der Seite, ich sah die Windanzeige auf 48 Knoten hochschie\u00dfen, die <em>Aventura<\/em>beschleunigte auf 12 Knoten und surfte dem Monster davon, stabil wie ein Banketttisch. Conor, der neben mir stand, schrie: \u201eIch glaub\u2019s ja nicht!\u201c Er hat lange Jahre als Skipper auf Charter-Katamaranen in der Karibik gearbeitet und konnte seine Begeisterung \u00fcber das, was wir gerade erlebt haben, nicht z\u00fcgeln. Ich ebenso wenig.<\/p>\n<div id=\"attachment_62392\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-62392\" class=\"wp-image-62392 size-large\" src=\"https:\/\/cornellsailing.com\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Anemis-600x401.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"401\" srcset=\"https:\/\/cornellsailing.com\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Anemis-600x401.jpg 600w, https:\/\/cornellsailing.com\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Anemis-180x120.jpg 180w, https:\/\/cornellsailing.com\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Anemis-300x200.jpg 300w, https:\/\/cornellsailing.com\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Anemis-768x513.jpg 768w, https:\/\/cornellsailing.com\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Anemis-400x267.jpg 400w, https:\/\/cornellsailing.com\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Anemis.jpg 1616w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><p id=\"caption-attachment-62392\" class=\"wp-caption-text\">Anemis<\/p><\/div>\n<p>Als wir in die Marina von Teneriffa hineinsteuerten, stand mein Freund Michael Holm bereit, um die Leinen anzunehmen, der Besitzer der <em>Anemis<\/em>, der ersten Hybridversion der Garcia Exploration 45. Ich hatte ihn inspiriert, das Boot zu kaufen, ich war dabei, als sie im Juni vergangenen Jahres in Cherbourg zu Wasser gelassen wurde, und ich habe die Reisen von Michael und seiner Familie seither stets verfolgt.<\/p>\n<p>Michael ist Elektroingenieur und war darum pr\u00e4destiniert, die Lage zu beurteilen. Sein Urteil war eindeutig: \u201eJimmy, dein Konzept an sich ist stimmig, aber die Zeit ist noch nicht reif daf\u00fcr. Ein elektrisches Segelboot dieser Gr\u00f6\u00dfe kann einfach nicht genug Energie erzeugen, um die Batterieladung zu erhalten und den Verbrauch zu kompensieren, egal wie gro\u00df die Batteriebanken sind. Darum hab ich mich f\u00fcr eine Hybridl\u00f6sung entschieden. \u00dcbrigens, nach 18 Monaten und einer Atlantik\u00fcberquerung funktioniert mein Ladesystem, mit einem elektrischen Motor mit Wellenantrieb und Faltpropeller, immer noch nicht zufriedenstellend. Genauer gesagt funktioniert es \u00fcberhaupt nicht.\u201c<\/p>\n<p>Michaels Ansage f\u00fchrte mir vor Augen, dass ich einem Scheideweg angekommen war. Wenn wir unsere Reise auf der geplanten Route fortsetzten, w\u00fcrden wir notwendigerweise immer wieder anhalten m\u00fcssen, um die Batterien aufzuladen. W\u00e4ren wir einmal an den Kapverden vorbei, l\u00e4ge der n\u00e4chste m\u00f6gliche Stopp \u00fcber 1500 Meilen entfernt, und der \u00c4quator und die Kalmen l\u00e4gen dazwischen.<\/p>\n<p>Ich war zudem nicht bereit, einen Stopp in Brasilien zu riskieren, wo die Corona-Pandemie au\u00dfer Kontrolle ist. Ich hatte bereits beschlossen, den Winter auf den Kanaren zu verbringen, als ich den neuesten Wetterbericht sah, der drei Tage S\u00fcdwind vorhersagte. Die Versuchung war unwiderstehlich. Wir legten sofort ab und haben inzwischen die halbe Strecke nach Gibraltar zur\u00fcckgelegt. Als wir Teneriffa verlie\u00dfen, stand Michael auf dem Steg und warf unsere Leinen los. Seine letzten Worte waren: \u201eJimmy, segele direkt zu Outremer und lass dir einen anst\u00e4ndigen Dieselgenerator einbauen!\u201c<\/p>\n<p>Und das tun wir.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Entscheidung, die <a href=\"https:\/\/cornellsailing.com\/de\/aventura\/aventura-zero-the-challenge\/\">Elcano Challenge<\/a> abzubrechen, kam sicherlich f\u00fcr viele, die meine Reise verfolgen, sehr \u00fcberraschend, und ich kann mich nur entschuldigen f\u00fcr die Entt\u00e4uschung, die ich euch bereitet habe. 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